Wachstum

 

Es ist offensichtlich: seit mehr als 200 Jahren wächst die menschliche Wirtschaft stetig und dies auf  hohem Niveau. Dies war vorher so nicht der Fall. So wächst einerseits der  Ausstoß von Leistungen, die bereits in der Agrargesellschaft erbracht wurden, q a n t i t a t i v ; beispielsweise  der von Nahrungsmitteln, Baumaterial oder Textilien. Andererseits wachsen im q u a l i t a t i v e n  Sinne Leistungen... Hier sind solche  gemeint, die es zuvor nicht gab und die völlig neu geschaffen wurden ( z.B. Automobile, moderne Technologien, chemische Produkte, IT-Technik+Software u.v.a.m. ).

Am deutlichsten ist das quantitative Wachstum  in der Landwirtschaft auszumachen : Vor reichlich 100 Jahren ernährte ein Landwirt vier Personen. Heute ist er dank Techniken und Technologien sowie wissenschaftlichen Methoden in der Lage , 143 Menschen zu versorgen ( Wikipedia) : eine Effektivitätsteigerung um ca. das 35fache !    

Woher resultiert diese Logik des Wachstums ? 

- in der Spezialisierung an sich ( siehe unten) 

- Im Abschnitt "Der Große Sprung in die Moderne" wurde der Begriff der "künstlichen Tätigkeitsverstärker" eingeführt. Vereinfachend formuliert ist die Einführung und Anwendung dieser "Verstärker" hauptverantwortlich für die Entwicklung der Leistungsgesellschaft und damit auch des Wachstums. Die Anwendung einer Baumaschine (z.B.Bagger,Radlader) ersetzt hunderte mit Muskelkraft schaufelnde Arbeiter, ein Traktor mehrere Ochsengespanne einschl. der sie führenden Bauern, eine Umformmaschine in der Metallindustrie dutzende Schmiede.  

- Aber auch die Existenz und stetige Einflussnahme des "Begleitenden Sektors" ( u.a.Wissenschaften, Bildungssektor,Infrastrukturgewährleister)  auf die Leistungserbringung wirkt auf das Wachstum. 

- Und nicht zuletzt schaffen die massenhaft durch künstliche Tätigkeitsverstärker freigesetzten Arbeitskräfte neue, oft vormals nicht gekannte Leistungen (z.B. im Dienstleistungsbereich) und wirken somit auf das Wachstum des Leistungsprozesses.  

- Eine Art Sauerstoffzufuhr in das Feuer des Wachstums ist die Zins-Geldwirtschaft.  Dort wo über Risikokalkulation und Inflationsrate hinausgehende Zinssätze die Regel sind,  m u s s  einfach Wachstum stattfinden, um die Kredite samt Zinsen zurückzuzahlen.  Diese Logik wird oftmals auch mit dem Begriff "Kapitalismus" umrissen. 

- Die "menschliche Gier" als Wachstumsmotor wird an späterer Stelle erörtert. 

 

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Warum aber nun ist Leistungs- Wachstum systemisch, der Leistungsgesellschaft immanent und offenbar nicht zu stoppen?  Warum verhält sich die Leistungs-Erbringung ähnlich wie das Zaubertöpfchen im Grimmschen Märchen vom  " Süßen Brei": es kann mit kochen nicht innehalten und droht letztlich die gesamte Welt mit süßem Brei zu überschütten ? 

 

Leistungssteigerungen waren natürlich schon vor dem Großen Sprung in einzelnen Wirtschaftsgebieten möglich. Bereits Adam Smith beschrieb die Vorzüge der Arbeitsteilung(und damit das spezialisierte Arbeiten) anhand der Fertigung von Stecknadeln wie folgt: ein Arbeiter schafft, fertigt er Stecknadeln vom ersten bis zum letzten Arbeitsschritt selbst, ca. 20 Nadeln. Durch Zerlegung der einzelnen Tätigkeitsschritte können 10 Arbeiter zusammen ca. 48 000 Nadeln herstellen, der Einzelne quasi 4800 . Dies entspricht einer Steigerung um das 240fache oder auf 24000 % . Dieses Prinzip der Zerlegung von Leistungserbringung wurde im 18.Jh im großen Stile in den Manufakturen Englands und Frankreichs angewandt und war eine der Grundlagen für die Erstarkung des Leistungssektors, die u.a. in den Großen Sprung mündete.  Richtig interessant aber wurde die Arbeitsteilung dann in Kombination mit "künstlichen Tätigkeitsverstärkern" , also maschinellen Kräften.   

Ein neues Berufsbild von Spezialisten tauchte auf, von Leuten, die sich kaum etwas anderem widmeten als der Vervollkommnung und Effektivierung von menschlichen Tätigkeiten, von menschlicher Erwerbsarbeit. Oftmals Hand in Hand mit Naturwissenschaftlern ( diese sind auch "Spezialisten" ) gingen Ingenieure daran, die Arbeitswelt komplett zu verändern.  Diese Leute wurden nicht "eingesetzt", nein sie "rochen" die Chancen, quasi aus Eigeninteresse, die ihnen intensives spezialisiertes Tun und das Befassen mit Techniken bzw. künstlichen Tätigkeitsverstärkern boten. Ob als selbstständige Unternehmer  ( für eigenes Unternehmen oder als Serviceunternehmen für andere) oder angestellte Techniker sahen sie ihre Aufgabe weitgehend darin, den Leistungserbringungs- Prozess zu optimieren und oder neue Leistungen zu enwickeln.  Sie waren quasi "Kinder" der Spezialisierung- spezialisierten sich auf neue Techniken/Technogien bzw. die "Erfindung" neuwertiger Leistungen. Und erarbeiteten dabei riesige Chancen auf viel Geld ... Die allseitig zunehmende Spezialisierung seit dem Großen Sprung brachte folglich gleichzeitig die wichtigsten Wachstumskräfte hervor, Leistungserbringer, die sich ausschließlich mit der Erbringung von  Wachstum (oftmals auf der Basis von künstlichen Tätigkeitsverstärkern) befassten.

Das Zaubertöpfchen war in der (westlichen) Welt und begann zu kochen....   

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Seit den 70er Jahren des 20.Jh.  vernimmt man immer häufiger das Argument: Auf einer endlichen, begrenzten Erde kann es auf Dauer kein unbegrenztes Wachstum geben... Was zweifellos richtig zu sein scheint - nichtsdestotrotz aber in Politik und Wirtschaft keine Konsequenzen zeitigt. Eine Kritik des unaufhörlichen Wachstums ist in der Öffentlichkeit kaum ausgeprägt- stattdessen verengt man die Kritik auf bloße "Umweltzerstörung". Damit wird der Focus lediglich auf Teilbereiche der Wirtschaft eingeengt, beispielsweise CO²-Ausstoß in die Luft, Müllverkappung in die Weltmeere oder Risiken der Kernenergie.  Eine Gesamtkritik des Pfades, den wir mit dem völligen Sieg des  Leistungsprozesses seit 200 Jahren eingeschlagen haben erfolgt nicht. 

Stattdessen wird "Nachhaltigkeit" und rigide Umweltnormen-Politik propagiert. Und in der Tat sind teilweise große Erfolge im Umweltschutz ( in den westlichen Ländern) zu verzeichnen. Man denke nur an die geringeren Schadstoff-Emissionen in die Luft. Und auch die Gewässerreinheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert.Zumal die spezialisierte Arbeitsweise auch Experten hervorbringt, die sich der Rückgängigmachung, aber auch der Verhinderung von Schäden verschrieben haben ( wenn Finanzierung von Gesellschaft und Politik als notwendig erachtet und gesichert wird). 

Dennoch muss konstatiert werden, dass diese meisten Umweltschutz- Maßnahmen dem Prinzip folgten und folgen: zwei Schritte vor ( Zerstörung) - ein Schritt zurück (Umweltschutzmaßnahme). 

Es geht hier nicht darum, einzelne Schritte zu erörtern und einzelne Bereiche zu analysieren. Dies können Experten viel besser. Der abstrakte o.g. Umstand von der Begrenztheit des Planeten reicht eigentlich aus, um die auf uns zukommende Gefahr zu sehen. Alleine die Vorstellung, dass in den nächsten Jahren/Jahrzehnten weitere 2- 3 Milliarden Menschen (u.a. China,Indien) das Niveau des westlichen Leistungsprozesses  erreichen , dürfte   diesen abstrakten Umstand  bestens illustrieren. Spätestens wenn diese Menschen ähnliches Konsum-, Automobilfahr- Flug- und Urlaubsverhalten entwickeln wie ihre westlichen Brüder und Schwestern, dürfte es sehr eng für alle werden...  

 

Die Logik des Leistungsprozesses mit seiner Wachstumsdynamik gibt kaum Hoffnung für eine Bändigung des Wachstums. Der Geist ist aus der Flasche, das Zaubertöpfchen lässt das Überkochen nicht... Und eine Zauberformel- wie im Märchen- die das Überkochen innehalten lässt, scheint nicht zu existieren. Hatten frühere Ökonomen wie beispielsweise J.M.Keynes noch die Hoffnung, dass der Bedarf der Menschen an Leistungen, an Waren und Dienstleistungen, eines Tages gedeckt sei, lehrt uns heute die Praxis in den westlichen Ländern die Existenz einer unstillbaren Gier nach Besitz, Vermögen, Leistungsinanspruchnahme .

So steigt die Wohnfläche pro Mensch seit Jahrzehnten kontinuierlich ( die größeren Wohnungen müssen eingerichtet und bewirtschaftet werden) , der Aufwand für Urlaubsreisen wächst bei den meisten Menschen überdurchschnittlich ( die zunehmende Sehnsucht nach Urlaubsreisen mit all ihrer notwendigen Betreuung ist quasi kaum zu stillen)    und last but not least werden die Ansprüche an Gesundheits- und Pflegesystem immer höher. Außerdem erfordert das Älterwerden der Menschen zusätzliches Wachstum:  die Betreuungszeit vor dem Sterben wird länger ( und intensiver)  und die Alten sind länger aktiv ( also auch mehr Leistungsinanspruchnahme) .

Und nicht zu unterschätzen für Logik und Dynamik des Wachstums ist die überall geschaltete Werbung, die trommelfeuerhaft die Menschen zur verstärkten Leistungsinanspruchnahme zu verführen sucht. Und dies wohl oft genug vermag. Auch die Werbung ist ein Teil der spezialisiert- diensteleistenden Arbeitsweise - teils realisiert von externen (Dienstleistern), teils von internen(eigenen Angestellten) Leistungserbringern. 

 

 

 

 

10.2.14 16:03

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